Herzlich willkommen! In den letzten Beiträgen haben wir uns verschiedenen Untersuchungen gewidmet, welche zur Untersuchung der Schilddrüse und vor allem Schilddrüsenknoten notwendig sind, nämlich dem Schilddrüsenultraschall, der Schilddrüsenszintigraphie und der Feinnadelpunktion. Während ein gutartiger Befund naturgemäß das Ergebnis ist, welches man sich von diesen Untersuchungen wünscht, kommt es gelegentlich bei auch routinemäßigen Abklärungen zu bösartigen Befunden. Um dieses Thema zu demysthifizieren werden in diesem Beitrag auf die unterschiedlichen Arten der Schilddrüsenkarzinome eingehen.
Während die Art und Prognose des Schilddrüsenkarzinoms sehr stark davon ausgeht, aus welchem Zellen es ursprünglich entstanden ist, gibt es einige allgemeine Faktoren, die zu berücksichtigen sind. Die sichersten Treiber für Schilddrüsenkarzinome aller Art sind externe Bestrahlungen eines Malignom in der Kopf-Hals-Region (insbesondere in der Kindheit) und Kontakt und Aufnahme mit radioaktivem Jod, wie z.B. Jod 131, welches ein direktes Spaltprodukt von Uran ist und bei Atomkraftwerkunfällen (wie z.B. Tschernobyl) in die Luft freigesetzt wird. Weitere Risikofaktoren sind Jodmangel (welcher in Europa überall vorkommt), eine vergrößerte Schilddrüse (Struma) sowie genetische Faktoren (Schilddrüsenkarzinome in der Familie), wobei diese nicht zwangsläufig zu Schilddrüsenkarzinomen führen müssen. Frauen sind wie bei den meisten Schilddrüsenerkrankungen häufiger betroffen als Männer, jedoch ändert sich das Verhältnis von 4:1 (Frau:Mann) bei allen Schilddrüsenerkrankungen zu einem Verhältnis von 2:1 (Frau:Mann) bei Schilddrüsenkarzinomen. Nach Daten der Statistik Austria für das Jahr 2023 kam es in diesem Jahr zu knapp über 1000 neuen Schilddrüsenkarzinomen in Österreich und 18.670 Menschen lebten mit einem Schilddrüsenkarzinom in diesem Jahr. Insgesamt hat eine Verbesserung der Diagnostik zu einer Zunahme der Schilddrüsenkarzinom Fälle geführt, jedoch gleichzeitig zu einem besseren Langzeitüberleben.
Schilddrüsenkarzinome zeigen typischerweise wenige Symptome und werden meist zufällig diagnostiziert (z.B. im Rahmen einer Ultraschalluntersuchung der Halsschlagadern, bei der Knoten festgestellt werden). Symptome zeichnen sich meistens durch eine Größe des Schilddrüsenkarzinoms und dessen verdrängende Wirkung aus. So kann es bei Verdrängung der Luftröhre zu Atemnot, bei Verdrängung der Speiseröhre zu Schluckbeschwerden und bei Verdrängung des Stimmbandnervens (N. laryngeus recurrens) zu Heiserkeit kommen. Weiters können befallene Lymphknoten im Halsbereich als unangenehm groß, derb und nicht verschieblich auffallen. Diese Qualitäten zeigt meist auch das Schilddrüsenkarzinom selbst, es ist hart, kann vergrößert sein und nicht schluckverschieblich.

Aus welchem Zellen entstehen nun diese Schilddrüsenkarzinome? Hier sind zwei Typen von Zellen entscheidend: die Thyreozyten, welche das Schilddrüsenhormon produzieren, und die C-Zellen, welche das Hormon Calcitonin produzieren. In diesem Beitrag werden wir uns auf vier verschiedene Arten der Schilddrüsenkarzinome konzentrieren: das papilläre, das follikuläre, das medulläre und das anaplastisches Schilddrüsenkarzinom. Seltenere Tumortypen werden in einem eigenen Beitrag diskutiert werden.
Das papilläre Schilddrüsenkarzinom ist das häufigste und wird so aufgrund seiner Darstellung unter dem Mikroskop bezeichnet. Es bildet warzen- oder zapfenförmige Auswüchse und enthält dadurch seinen Namen (lat. papilla = Warze). Werden diese Karzinome in einem niedrigen Tumorstadium gefunden kommt es nach entsprechender Therapie zu einem exzellenten Langzeitüberleben (etwa 95 % 10 Jahresüberleben). Das Karzinom tritt meist zwischen dem 30. und 65. Lebensjahr auf, wird jedoch häufig im etwa 50. Lebensjahr zufällig im Rahmen anderer Untersuchungen gefunden. Ein besonderes Merkmal des papillären Schilddrüsenkarzinoms ist, dass es im Vergleich zu anderen Karzinomtypen oftmals mehrmals bei der Diagnose vorhanden ist, zum Teil auch in beiden Schilddrüsenlappen gleichzeitig. Weiters metastasiert dieses Schilddrüsenkarzinom auch in niedrigen Tumorstadien früh in die umliegenden Lymphknoten, das Langzeitüberleben bei entsprechender Therapie ist jedoch dadurch nicht maßgeblich eingeschränkt.
Das follikuläre Schilddrüsenkarzinom zeigt sich unter dem Mikroskop als blasenartig (lat. folliculus = kleiner Sack, Hülle) und ist von gutartigen Schilddrüsenknoten hauptsächlich durch ein Einwachsen in die Kapsel des Knotens oder in die Blutgefäße zu unterscheiden. In niedrigen Tumorstadien haben auch diese Karzinome ein exzellent des Langzeitüberleben, wenn es auch unter dem des papillären Schilddrüsenkarzinoms liegt (etwa 90 % 10 Jahresüberleben). Das Durchschnittsalter bei diesem Karzinom liegt etwas über dem des papillären Schilddrüsenkarzinoms. Follikuläre Schilddrüsenkarzinom metastasierenden häufiger über das Blut als papilläre, hier sind insbesondere die Lunge und der Knochen betroffen.
Das medulläre Schilddrüsenkarzinom entsteht aus C-Zellen, welche Calcitonin produzieren, und sich tief im Inneren der Schilddrüse befinden, daher entsteht der Name (lat. Medulla = Mark). Dieses Carcinom ist deutlich seltener als die oben genannten und entsteht zu 75 % sporadisch, das bedeutet ohne familiäre Belastung, im höheren Alter. 25 % der medullären Schilddrüsenkarzinome haben eine eindeutige familiäre Komponente, hier ist vor allem das familiäre medulläres Schilddrüsenkarzinom sowie das MEN-Syndrom (multiple endokrine Neoplasien, insbesondere Typ 2A) zu nennen. Während Tumormarker für das papilläre und follikuläre Schilddrüsenkarzinom erst nach der Therapie eine Rolle spielen, kann eine Erhöhung des Hormon Calcitonin schon auf ein medulläres Schilddrüsenkarzinom hinweisen, auch wenn der Calcitoninwert niedrigen Bereich einigen Schwankungen unterworfen ist. Dies ist insbesondere wichtig, da das medulläre Schilddrüsenkarzinom in Bezug auf das Stadium nicht zu sehr mit der Größe des Tumors zusammenhängt, also kleinere Knoten machen kann, und auch nicht mithilfe einer Feinnadelpunktion abgeklärt werden darf. Wird dieses Karzinom im Rahmen einer Schilddrüsenoperation vollständig entfernt, bevor es streuen konnte, dann gilt der Patient im Nachhinein als faktisch geheilt. Kam es jedoch zu einer Metastasierung durch das medulläre Schilddrüsenkarzinom, so ist die Erkrankung zwar behandelbar, jedoch nicht mehr heilbar, was sich insgesamt in einem schlechteren Langzeitüberleben im Vergleich zum papillären und follikulären Schilddrüsenkarzinom widerspiegelt (etwa 50 % 10 Jahresüberleben).
Das anaplastische Schilddrüsenkarzinom ist ein seltenes Karzinom, welches zwar seinen Ursprung in den Thyreozyten hat, sich jedoch in der Struktur sehr weit von diesen entfernt hat und sich zu unspezialisierten Zelltypen zurück entwickelt hat (lat. anaplasis = Rückbildung). Dieses Karzinom welches deutlich aggressiver als alle vorgenannten Typen und zeigt weniger ein verdrängen als ein direktes Infiltrieren/Einwachsen in die umliegenden Gewebe. Zusätzlich ist die Geschwindigkeit, mit der das anaplastisches Schilddrüsenkarzinom wächst, deutlich über den anderen Tumortypen, was eine rasche und aggressive Behandlung bedarf. Trotz allem ist das Langzeitüberleben sehr schlecht. Es besteht ein mittleres Überleben von etwa einem halben Jahr und eine Chance von unter 1 % für das 5 Jahresüberleben. Das anaplastisches Schilddrüsenkarzinom betrifft meistens Patienten über 60 Jahren, der Erkrankungsgipfel liegt zwischen dem 70. und 80. Lebensjahr.
Wir hoffen Ihnen mit diesem Beitrag nützliche und leicht verständliche Informationen zu den häufigsten Typen der Schilddrüsenkarzinome gebracht zu haben. Auf die Therapie des Schilddrüsenkarzinoms wird in anderen Beiträgen näher eingegangen.
Herzliche Grüße
Asha Leisser und Thomas Nakuz
