Herzlich Willkommen! Wir haben in unserem Beitrag über Schilddrüsenüberfunktionen bereits den Morbus Basedow (im Englischen als „Graves disease“ bekannt) ein wenig beleuchtet. Da es sich dabei jedoch um eine erstzunehmende Erkrankung der Schilddrüse handelt, die so früh wie möglich erkannt und therapiert werden sollte, haben wir uns für einen weiteren, dezidierten Beitrag entschieden.
Kurz wiederholt ist Morbus Basedow ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die Schilddrüse fälschlicherweise dauerhaft stimuliert. Dadurch produziert sie zu viele Schilddrüsenhormone. Bei manchen Betroffenen sind zusätzlich die Augen beteiligt. Obwohl die Erkrankung ist in der Regel gut behandelbar ist, bedarf sie unbedingt einer sorgfältigen Diagnostik, die individuell passende Therapie und für Schilddrüsenerkrankungen relativ häufige Kontrollen, um die Therapie anzupassen.
Beim Morbus Basedow richtet sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper und bildet sogenannte TSH-Rezeptor-Antikörper, kurz TRAK. Während bei der Hashimoto Thyreoiditis die Antikörper zu einer Immunreaktion führen, welche die Schilddrüse zerstört, binden Antikörper bei Morbus Basedow an die Rezeptoren des körpereigenen Hormons TSH und führen dort zu einer Aktivierung. Aus Sicht der Schilddrüse kommt es dadurch zu einen ständingen Anreiz die Produktion von Schilddrüsenhormonen zu erhöhen und gleichzeitig zu einem Wachstumsreiz. Es entsteht eine Schilddrüsenüberfunktion, die sogenannte Hyperthyreose.
Morbus Basedow betrifft wie viele Schilddrüsenerkrankungen Frauen deutlich häufiger als Männer und kann grundsätzlich in jedem Lebensalter auftreten. Neben einer genetischen Veranlagung können verschiedene Umwelt- und Lebensstilfaktoren eine Rolle spielen, hier ist insbesondere Stress hervorzuheben, welcher in unserer Erfahrung oftmals als auslösender Faktor auftritt, wenn auch Stress alleine nicht zwangsläufig zu einem Morbus Basedow führt. Häufig lässt sich jedoch kein einzelner konkreter Auslöser feststellen.
Da die Schilddrüsenhormone bei zahlreichen Vorgänge im Körper involviert sind, können bei einer Überfunktion viele Systeme betroffen sein – unter anderem Herz und Kreislauf, Stoffwechsel, Verdauung, Muskulatur und Nervensystem. Ein Überschuss an Schilddrüsenhormonen kann daher sehr unterschiedliche Beschwerden verursachen, wenngleich einige Symptome sehr typisch sind:
- Herzklopfen, Herzrasen oder ein schneller Puls
- innere Unruhe, Nervosität und Reizbarkeit
- vermehrtes Schwitzen und Hitzegefühl
- Schlafstörungen
- Zyklusstörungen
- Haarausfall
- Zittern der Hände
- häufigerer Stuhlgang oder Durchfall
- Muskelschwäche und verminderte Belastbarkeit
- Gewichtsverlust trotz normalem oder gesteigertem Appetit
Nicht alle Betroffenen haben sämtliche Beschwerden und nicht immer werden die Beschwerden als typisch für die Überfunktion erkannt. Paradoxerweise klagen viele Patienten bei Morbus Basedow über Erschöpfung und Energielosigkeit, obwohl das Markenzeichen der Erkrankung eine vermehrte Mobilisierung von Energie durch die vermehrten Schilddrüsenhormone ist. Dies erklärt sich durch ein Aufbrauchen der Energiereserven im Körper, die nicht rechtzeitig wieder aufgefüllt werden können, da der Körper zu jeder Zeit Vollgas gibt. Je nach Person wird die vermehrte Energie, die der Morbus Basedow anfangs bereitstellt, als positiv empfunden und die Therapie der Erkrankung als störend, da der Körper wieder auf Normalbetrieb herunter fährt. Werden die Symptome von Morbus Basedow jedoch ignoriert und eine Therapie nicht eingeleitet so kann das zu verheerenden, teils lebensgefährlichen Folgen führen.

Eine Besonderheit des Morbus Basedow ist die mögliche Beteiligung der Augen. Dabei kommte es aufgrund einer Autoimmunreaktion der gebildeten Antikörper mit dem Gewebe hinter dem Augapfel im Bereich der Augenhöhle zu einer Volumszunahme. Dies führt dazu, dass die Augäpfel nach vorne verschoben werden. Die dadurch entstehenenden „Glupschaugen“, werden in der Medizin als Exophthalmus bezeichnet. Mögliche Beschwerden sind trockene oder tränende Augen, Fremdkörpergefühl, Lichtempfindlichkeit, geschwollene Augenlider oder ein Druckgefühl hinter den Augen bis zu Doppelbilden. Diese Ausprägung des Morbus wird als endokrine Orbitopathie oder thyreoidale Augenerkrankung bezeichnet. Augenbeschwerden werden bei Morbus Basedow immer ernst genommen und eine augenärztlich Vorstellung ist oftmals notwendig. Rauchen erhöht das Risiko für eine endokrine Orbitopathie und kann ihren Verlauf ungünstig beeinflussen. Ein Rauchstopp ist deshalb ein wichtiger Bestandteil der Behandlung.
Wie läuft die Untersuchung ab, wenn der Verdacht auf einen Morbus Basedow besteht?
Anfangs bedarf es einem ausführlichen ärztliches Gespräch, in dem die Symptome und deren Dauer genau abgeklärt werden. Der Patient und sein Wohlbefinden ist der entscheidenste Parameter, wenn es um die Behandlung des Morbus Basedow geht. Die weitere Abklärung der Schilddrüsenfunktion mittels Blutuntersuchung, wo gewisse Laborwerte abgenommen werden müssen, insbesondere:
- TSH: Bei einer ausgeprägten Schilddrüsenüberfunktion ist der TSH-Wert typischerweise stark erniedrigt.
- Freies T4 und freies T3: Diese Schilddrüsenhormone sind bei einer manifesten Überfunktion erhöht.
- TSH-Rezeptor-Antikörper (TRAK): Der Nachweis dieser Antikörper ist für die Diagnose eines Morbus Basedow von besonderer Bedeutung. Es gibt jedoch auch wenige Patienten, die einen sogenannten TRAK-negativen Morbus Basedow aufweisen, der sich meist erst aus einer Kombination typischer Symptome und in der Schilddrüsenszintigraphie bestätigen lässt.

In einer Ultraschalluntersuchung der Schilddrüse zeigt sich ein typischer Morbus Basedow mit einer inhomogenen Struktur der Schilddrüse, welche oftmals vergrößert ist. Ein typisches Zeichen für einen stark aktiven Morbus Basedow ist eine sehr starke Durchblutung. Die sogenannte Doppler-Sonographie nutzt den Doppler-Effekt aus der Physik (das klassische Beispiel hier ist der Formel 1 Rennwagen, der heller klingt wenn er auf die Kamera zufährt und tiefer, wenn er wieder davonfährt) um die Flussrichtung und Geschwindigkeit von Blut, meist in den Farben rot und blau darzustellen. Bei stark aktivem Morbus Basedow kommt es hier zu einem besonders wilden Bild, welches in der Medizin umgangssprachlich als „wildfire“ (Flächenbrand) bezeichnet wird.
Eine wichtige Untersuchungsmethode ist auch die Schilddrüsenszintigraphie. Nicht immer beruht eine Schilddrüsenüberfunktion auf einem Morbus Basedow und die Szintigraphie ist ein exzellente Untersuchung um die Erkrankung zu bestätigen. Im Gegensatz zu den Differentialdiagnosen (Zellzerfall bei einer Hashitoxikose, fokale oder diffuse Autonomien,…) zeigt ein Morbus Basedow oftmals eine einheitliche (homogene) Anreicherung des radiokativen Tracers in der gesamten Schilddrüse. Das Ausmaß der Anreicherung ist jedoch im Vergleich zu anderen Erkrankungen deutlich erhöht und trägt somit zu Diagnosesicherung bei.
Die Behandlung von Morbus Basedow muss individuell festgelegt. Eine häufige erste Therapie besteht in der Einnahme von Medikamenten, die die Bildung neuer Schilddrüsenhormone hemmen. Diese in der Medizin werden Thyreostatika genannt. Die Dosierung richtet sich stark nach den ersten Blutwerten, eine gute Faustregel ist jedoch mit einer hohen Dosierung zu beginnen und diese rasch wieder zu reduzieren, wenn sich ein Effekt zeigt.
Zu Beginn der Therapie sind regelmäßige Blutkontrollen unbedingt erforderlich. Dabei wird überprüft, wie sich die Schilddrüsenwerte entwickeln und ob die Medikamentendosis angepasst werden muss. Die Interpretation der Werte bedarf hierbei einem auf Schilddrüsenexperten, da gerade hierbei ein Wissen und Erfahrung bei der Einstellung essentiell ist.
Thyreostatika können jedoch selten auch relevante Nebenwirkungen verursachen, weshalb sie sich nicht als Dauermedikamente eignen. Besonders wichtig: Treten während der Behandlung plötzlich Fieber oder starke Halsschmerzen auf, sollte rasch eine Vorstellung in einer Notfallambulanz. Diese Symptome sind nämlich ein Hinweis, das die Zahl der weißen Blutkörperchen stark abgefallen sind, was den Körper sehr anfällig für Infektionen macht (in der Medizin Agranulozytose genannt). Diese Nebenwirkung ist selten und unwahrscheinlicher, je geringer die Dosis ist und somit eher im Anfangsstadium der Erkrankung zu beachten. Weiters können sich Thyreostatika bei langer Einnahme negativ auf die Leber auswirken. Ein erster Zeichen hierfür wäre eine Erhöhung der Leberparameter in der Blutkontrolle.
Bei einem Teil der Patientinnen und Patienten beruhigt sich die Autoimmunerkrankung nach einer längeren medikamentösen Behandlung (in Österreich üblicherweise 1 Jahr) und es kommt zu einer anhaltenden Remission. Dies geschieht bei etwa 50% der Patienten. Bei den übrigen Patienten kommt es nach Absetzen der Medikation zu einem neuerlichen Auftreten der Beschwerden, dies kann aber unter Umständen auch erst Jahre später passieren.
Im Fall, dass die medikamentöse Therapie nicht funktioniert bzw. im Fall einer Remission muss eine dauerhafte Lösung gefunden werden. Hierfür kommen eine Radiojodtherapie oder eine Operation infrage. Welche Behandlung die beste Option darstellt, hängt unter anderem vom Alter, der Größe und Beschaffenheit der Schilddrüse, Begleiterkrankungen, einer möglichen Augenbeteiligung sowie den persönlichen Präferenzen ab. Der Patient hat einen wichtigen Anteil an der Entscheidungsfindung und es sollten alle Optionen mit dem Schilddrüsenarzt Ihres Vertrauens besprochen werden.
Die Diagnose Morbus Basedow kann zunächst verunsichern – insbesondere, wenn Beschwerden wie Herzrasen, Schlaflosigkeit, Gewichtsverlust oder Augenprobleme den Alltag bereits deutlich beeinträchtigen. Mit einer sorgfältigen Diagnostik und einer individuell abgestimmten Behandlung lässt sich die Erkrankung jedoch in den meisten Fällen gut kontrollieren. Wichtig ist dabei, nicht nur einzelne Laborwerte zu betrachten, weshalb Schilddrüsenexperten in der Behandlung dieser Erkrankung unentbehrlich sind. Beschwerden, Ultraschallbefund, Antikörper, Begleiterkrankungen, eine mögliche Augenbeteiligung und die persönliche Lebenssituation sollten gemeinsam in die Therapieentscheidung einfließen. Als Ihre Schilddrüsenexperten stehen wir mit unserer Erfahrung, Wissen und Empathie Ihnen bei der Behandlung dieser Erkrankung immer beiseite.
Herzliche Grüße
Asha Leisser und Thomas Nakuz
